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dpa-AFX: ROUNDUP: Das sind die größten Baustellen beim Autozulieferer ZF
FRIEDRICHSHAFEN (dpa-AFX) - Stellenabbau, Gewinneinbruch, Proteste: Die
deutsche Autoindustrie und ihre Zulieferer stecken in einer schwierigen Lage -
besonders ZF Friedrichshafen am Bodensee. Die rund 50.700 Beschäftigten in
Produktion und Verwaltung in Deutschland machen sich Sorgen um ihre
Arbeitsplätze.
Die bisherigen Schritte zur Sanierung des finanziell angeschlagenen Konzerns
scheinen nicht auszureichen. Der schleppende Hochlauf der Elektromobilität und
die Unsicherheit durch die US-Zölle bedeuteten geringere Umsätze und steigende
Kosten, sagte Vorstandschef Holger Klein anlässlich der Halbjahresbilanz. "Dem
begegnen wir und beschleunigen unser Restrukturierungsprogramm. Damit ist ZF auf
einem zwar schwierigen, aber erkennbar richtigen Weg."
Krise der Autoindustrie
Die Gründe für die Krise bei ZF sind vielfältig. Einer ist die Lage der
gesamten Branche. Die Produktion von Autos und leichten Nutzfahrzeugen ist
weltweit seit 2018 um 30 Prozent gesunken, heißt es aus dem Unternehmen. Wie die
Konkurrenten Bosch, Continental und Schaeffler
leidet deshalb auch der zweitgrößte deutsche Zulieferer unter ausbleibenden
Aufträgen der Hersteller und hohen Kosten für den Wandel hin zum Elektromotor.
Wenn es den drei größten Kunden des Unternehmens - Volkswagen
, BMW und der Opel-Mutter Stellantis
- nicht gut geht, bekommt es gleichfalls der Lieferant zu spüren. Das
Unternehmen hat neben Automatik- und Schaltgetrieben unter anderem
Fahrwerkskomponenten, Lenksysteme, Antriebe, Bremsen und Sicherheitstechnik im
Angebot.
Kerngeschäft mit großen Problemen
Ein Knackpunkt in der Neuausrichtung des Konzerns ist derzeit die Sparte für
Antriebe - intern "Division E" genannt. Sie ist in Teilen nicht
wettbewerbsfähig. Dieser Bereich, der nicht nur elektrische, sondern auch
hybride Antriebe und Verbrenner umfasst, leidet besonders unter dem verzögerten
Anlauf der E-Mobilität sowie unter hohen Kosten und geringen Margen im
traditionellen Getriebegeschäft. Weltweit ist in der Division etwa jeder fünfte
ZF-Beschäftigte tätig. 2024 wurde hier knapp ein Viertel des Gesamtumsatzes
erwirtschaftet.
Zuletzt gab es Gerüchte über Pläne für einen möglichen Verkauf des Bereichs
oder dass dafür eventuell ein Partner an Bord geholt werden soll. Ein Sprecher
des Stiftungsunternehmens sagte, eine Restrukturierung sei die notwendige
Voraussetzung für eine mögliche Partnersuche. Auch dagegen richte sich ein
Protesttag mit mehr als 10.000 Teilnehmern am Dienstag. Die IG Metall warnte:
"Der ZF darf nicht das Herz herausgerissen werden."
Offensichtlich zeigte die Aktion Wirkung: ZF und Arbeitnehmervertreter
wollen in den kommenden Wochen über die Neuausrichtung der kriselnden Kernsparte
verhandeln. "Beide Seiten streben an, die Restrukturierungsmaßnahmen bis zum 30.
September in konkreten Vereinbarungen mit den zuständigen Gremien
festzuschreiben", teilte der Konzern mit. Die geplante Ausgliederung oder gar
der Verkauf der Division E sei keine Strategie, die man mittragen könne, hieß es
von Betriebsrat und Gewerkschaft. Die Auseinandersetzung sei nicht beendet,
sondern vorerst lediglich ausgesetzt.
Vorstandschef Klein sagte nun, im Vordergrund müsse die Sanierung stehen. Er
kündigte in diesem Bereich "erneute schmerzhafte Entscheidungen" an. Das deutet
auf einen möglichen zusätzlichen Stellenabbau hin.
Die frühere Division "Passive Sicherheitstechnik", die hauptsächlich Airbags
und Sicherheitsgurte fertigt, ist inzwischen aus den Strukturen des Konzerns
herausgelöst und firmiert eigenständig als Tochter unter dem Namen ZF Lifetec.
Für den Bereich sucht der Zulieferer einen Partner - bislang ohne erkennbaren
Erfolg. Er kann sich aber gleichfalls einen Börsengang vorstellen. Man sei nicht
unter Druck, unwirtschaftliche Angebote anzunehmen, heißt es.
Schulden in Milliardenhöhe
ZF war in den vergangenen Jahren auf Einkaufstour - und das hat eine Menge
Geld gekostet. Insbesondere die Käufe des Automobilzulieferers TRW und des
Bremsenspezialisten Wabco müssen verarbeitet werden. Die Nettoverbindlichkeiten
beliefen sich Ende Juni auf rund 10,5 Milliarden Euro.
In Zeiten der Niedrigzinsphase war die Finanzierung noch relativ günstig.
Aktuell muss das Unternehmen nach Angaben eines Sprechers im Schnitt 4,5 Prozent
an Zinsen zahlen. Es geht um Hunderte Millionen Euro. Geld, das an anderer
Stelle fehlt und nicht in Zukunftsprodukte investiert werden kann.
Rote Zahlen und Stellenabbau
Das Stiftungsunternehmen machte im ersten Halbjahr einen Verlust von 195
Millionen Euro, wie ZF-Finanzchef Michael Frick mitteilte. Da die Märkte sehr
instabil seien, gehe er davon aus, dass man auch im Gesamtjahr einen Verlust
realisieren werde. Dann würde der Konzern im zweiten Jahr in Folge ins Minus
rutschen. Für ZF ist daher weiter Sparen angesagt, vor allem an den deutschen
Standorten. Bis Ende 2028 will ZF Stellen in historischem Ausmaß streichen: Bis
zu 14.000 Jobs sollen es hierzulande sein. 5.700 sind seit Anfang 2024 schon
weggefallen. Auch die Arbeitszeit vieler Mitarbeiter wurden gekürzt.
Wie es nach 2028 weitergeht, ist offen. "Wir investieren in die Bereiche,
die heute schon erfolgreich sind, und wir restrukturieren und entwickeln die
Bereiche, die noch nicht erfolgreich sind", hieß es. Es seien gezielte
Einschnitte nötig. Ziel sei, möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu
erhalten.
Mitarbeiter auf den Barrikaden
Zuletzt hatte sich der Konflikt zwischen ZF und den Arbeitnehmern
verschärft: Bei Betriebsversammlungen vor rund zwei Wochen wurden dem
Betriebsrat zufolge weitere Einschnitte angekündigt. Mitarbeiter sollen auf Geld
verzichten, auch betriebsbedingte Kündigungen sind demnach nicht mehr
ausgeschlossen.
Das sorgt für Unruhe bei den Beschäftigten, die den Sparkurs nicht mittragen
wollen. Am Dienstag gingen die Mitarbeiter daher nicht nur am Hauptsitz in
Friedrichshafen auf die Straße, sondern auch an anderen deutschen Standorten wie
Schweinfurt und Saarbrücken.
Der Betriebsrat forderte einen Kurswechsel: Alle Sanierungsversuche seien
bisher nicht erfolgreich gewesen. Man stehe nicht besser da, sondern schlechter,
sagte Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich. "Viele Beschäftigte machen derzeit
keine Mehrarbeit, weil es massive Eingriffe in ihre Löhne gibt, selbst bei
Führungskräften." Die Menschen hätten Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren -
und seien deshalb nicht bereit, Überstunden zu leisten./ols/DP/zb